Vor–Bild

Für die zwölf Aufnahmen der Serie Vor–Bild hat Jörg Steinbach Puppenköpfe fotografiert, wie Friseure sie verwenden. Durch den meterlangen Tunnel der Großbildkamera aufs Papier projiziert und im Chemikalienbad fixiert haben die Köpfe ihre Identität verwandelt. In vergrößertem Maßstab und in Augen, Haaren und Teint von Schwarz wie getränkt, treten sie aus dem Dunkel hervor. Ihr Auftritt gilt einem Gegenüber, das sie wie bei einem Casting in verschiedenen Rollen anzusprechen scheinen. Die Augen wechseln sprunghaft vom falsch Gemaltem zum verführerischen, drohenden, bohrenden Blick. Haut und Lippen nehmen Schimmer an. Das Schwarz suggeriert die Tiefe und Abgründigkeit des Imaginären.

Doch die Verwandlung ist keine glatte. Die Individualität und die Tiefe, die die Gesichter auf den Bildern zur Schau tragen, sind nicht einfach Gegenstücke zur Leere und Oberflächlichkeit der Puppen. Statt ineinander umzuschlagen, durchdringen die Pole sich auf Steinbachs Bildern gegenseitig. Diese Durchdringung macht sichtbar: bereits die modischen Ideale, die die Köpfe urprünglich dokumentieren – sie platzen in den Fotos zu gespenstischer Individualität auf –, bereits ihre grelle Jugendlichkeit ist ernst und tief – melancholisch wie die sinnenden Profile auf attischen Grabmälern, tief wie unser sterblicher Körper, der „immer tief ist, am tiefsten aber an der Oberfläche“.1 Und die frappierende Lebendigkeit, die manches Gesichte hier trägt, kreuzt sich mit der paradoxen Lebendigkeit, für die heute der Avatar eher einsteht, als der Spieler, der sich seiner bedient. Die Überlagerungen, in denen sich im Begriff der Fotografie die Motive des Theaters, der Projektion und des Spiegels anordnen, zentrieren überall in den Inszenierungen des Todes und der Selbsterkenntnis. Auch deshalb kann der Blick auf die künstlichen Gesichter in Steinbachs Serie vom Blick in den Spiegel sprechen. Was in ihm lesbar wird ist das eigene Gesicht als eines, das nicht einfach schon da ist, sondern „in dem die Ankunft sich langsam entblößt“.2

 

1 body is always deep but deepest at its surface. Anne Carson, Sitzende Figur mit rotem Winkel (1988) von Betty Goodwin.

2 Hilde Domin, Herbstzeitlosen.

 

Thilo Billmeier

 

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