Diepensee

Im Juni 1996 wurde die Gemarkung des brandenburgischen Dorfes Diepensee als Gelände für den vorgesehenen Großflughafen Berlin Brandenburg International festgelegt. 1999 wurde der Vertrag über die Umsiedlung des gesamten Ortes nach Königs Wusterhausen geschlossen. Dabei wurden die Grundstücke auf Kosten der Flughafengesellschaft 1:1 übernommen, ihre jeweilige Lage neu ausgehandelt.[1] Jörg Steinbachs 30-teilige Arbeit Diepensee zeigen den Ort kurz vor dem Umzug und zehn Jahre nach seiner Neuerrichtung. Die Bilder aus dem Jahr 2003 entstanden mit einer Großformat-, die von 2013 mit einer Digitalkamera. Während sich die Menschenleere auf den Bildern von 2003 deutlich dem bevorstehenden Abriss der Häuser verdankt, zeugt sie in den Bildern von 2013 vielleicht noch vom Modellcharakter der frischen Siedlung. Der Eindruck von Trostlosigkeit, den sie hier wie dort vermittelt, weckt jedoch Fragen an Bedeutung, Durchführung und Wahrnehmung von Abriss und Umzug. War etwa eine Identität der translozierten Ortschaft gewünscht, war sie wünschenswert? Und wenn: kann es die Identität der Tristesse gewesen sein, wie sie auf Steinbachs Bildern in den Vordergrund tritt? Oder: Inwiefern kann die Verriegelung von abrissfertigen Häusern auch etwas vom Charakter eines Ortes sichtbar machen, dessen Geschichte dorthin führt, dass er von seinen Bewohnern verlassen wird? In welchem Sinne vermögen dann die neuen Häuser auf Steinbachs Fotografien vom Schicksal der Hoffnungen zu sprechen, die ihre Bewohner hegten? All diese konkreten Fragen werden durch eine Art Generalbass getragen, der nicht zu übehören ist. Steinbachs menschenleere Aufnahmen dokumentieren in erster Linie die Möglichkeit einer totalen Vergleichgültigung. Die Idee, alles ersetzen zu können, erscheint als Grund dafür, dass in Diepensee alle Veränderung trotz vieler Ideen und engagierter Bürgerbeteiligung in strukturelle Wiederholung mündet. Diese ist durchaus kompliziert. So ist auf die Zersiedelung des alten Ortes im neuen durch die Gestaltung eines Zentrums reagiert worden. Gleichzeitig hat sich aber die soziale Struktur umgekehrt entwickelt. Was zuvor eng war, ist nun zerfasert. Über diese und ähnlich konkrete Zusammenhänge hinaus macht Steinbachs Serie die Einsicht zugänglich, dass der reale Ort einer Ortschaft grundsätzlich nicht austauschbar ist, weil er reales Moment wirklich gelebten Lebens ist. Mehr noch: über die Nichtersetzbarkeit gelebter Orte gewinnt das biographische Leben erst seine  eigene faktische Bestimmtheit. Deshalb stellt nicht erst der vollzogene Abriss und Umzug, sondern zuvor schon die Vorstellung eines freien Verfügenkönnens über Lebensorte eine reale Verletzung dar.

[1] Zur Geschichte des Ortes und den Ablauf der Umsiedelung vgl. Udo Hasse und Michael Pilz (Hrsg.), Diepensee. Ein Dorf zieht um, Berlin 2003.

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