Berlin-Brest

Jörg Steinbachs Stadtlandschaften zeigen die Stadt als Raum, in dem wir uns befinden. An die Stelle einfacher Identifikation des Ortes tritt durch den Titel die Frage, ob die Aufnahme Berlin oder Brest zeigt. Für beide Städte hat Steinbach das Darinsein von strukturalen Ordnungen her artikuliert. Das ist nicht selbstverständlich, denn die aufgegriffenen und eingetragenen Strukturen organisieren die Bilder zumeist nicht im Raum, sondern in der Fläche. Die Stadt und die Ansichten, in denen sie begegnet, gewinnen dadurch selbst Bildcharakter. Man ist nicht mehr in der Stadt, sondern befindet sich vor ihr.

 

Wie kann dann der strukturale Blick gerade das Darinsein formulieren? Die Antwort lautet: über den Charakter der Fremdheit, den die bildgewordenen Städte annehmen. Die Fremdheit der Stadt, die mit der Irritation des Blicks zusammengeht, stößt hier allerdings nicht zurück. In der Fülle der Details und farblichen Bezüge, in den Funktionen strukturbildender Schatten und in der Helligkeit eines Lichts, das die Präsenz der Texturen intensiviert, beginnt sie vielmehr zu strahlen. Es ist diese Unglaublichkeit, die dem Spiel des Titels, dem Nicht- und Nichtmehrerkennen eine tiefere Bedeutung verleiht. Der Glanz des Unglaublichen beschreibt in Steinbachs Serie eine Totalität, die unsere Wahrnehmung gleichsam beziehen kann. Diese Welt hält unser Blick vermittelst seiner eigenen Leiblichkeit als Worin offen. Die Fügung von Hitze und Feuchtigkeit, Schattigkeit und Materialität, das Zusammentreffen texturaler Passagen macht die Bilder der Serie körperlich bewohnbar. Jenseits des Bekannten, aber an und in ihm, kann das Worinsein eine sinnlich-abstrakte Qualität annehmen, die Platon einmal als Rhythmus und Harmonie anspricht und vom griechischen Wort für „Freude“, chara, ableitet.[1] 

[1] Nomoi, 653 f. St.

 

1 Nomoi, 653 f. St.

 

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